Langstrecke – Longreads-Projekt der SZ

Über einen Artikel von Meedia bin ich vor einiger Zeit auf das Longread-Projekt der Süddeutschen Zeitung aufmerksam geworden. (Jetzt denkt ihr sicher: Schon wieder SZ? Keine Sorge, ich werde nicht von denen bezahlt, aber im Moment machen die einfach sehr spannende digitale Projekte.) Zurück zum Thema: Bei diesem Projekt handelt es sich eigentlich um einen Markttest, nein, sogar eher zwei. Einerseits will die SZ mit dem in letzter Zeit viel diskutierten Ansatz der Longreads experimentieren – also lange journalistische Texte, deren Inhalt so interessant ist (und die gewisse qualitative Ansprüche erfüllen), sodass sie es wert sind über die Veröffentlichung in der Tageszeitung hinaus (wo sie natürlich schnell in Vergessenheit geraten) gelesen zu werden.
Andererseits will man herausfinden, welche Formate von den Lesern heute bevorzugt werden. Hierbei ging es insbesondere um Print (Magazin/Taschenbuch) vs. Digital (E-Book).

Das Cover der ersten Langstrecke-Ausgabe
Das Cover der ersten Langstrecke-Ausgabe

Crowdfunding einmal anders

Das Projekt läuft unter dem Namen Langstrecke (anscheinend wollte man sich mit dem Begriff Longreads nicht so recht anfreunden) und bündelt quartalsweise die besten langen Texte aus der SZ, dem SZ Magazin und dem Jetzt Magazin – also allen Print-Ausgaben des Verlags (lang heißt in dem Fall mind. 200 SZ-Zeilen) in einer eigenen Anthologie, die 4 Mal im Jahr erscheint.

Für den Start des Projekts hat man die Crowdfunding-Plattform Startnext benutzt, allerdings handelte es sich um kein richtiges Crowdfunding, da die Summe zum Erreichen des Crowdfunding-Ziels mit 100 € doch ziemlich niedrig gesteckt war. Es ging viel eher darum, Interessierte möglichst einfach den Zugang zum Projekt zu ermöglichen und da hat Startnext eine gute Infrastruktur geboten. Im Funding-Zeitraum, der bis 31.03.2015 lief, konnte man als Unterstützer für das Jahresabo der vier Ausgaben zwischen drei verschiedenen Formaten wählen: E-Book (15 €), Magazin (25 €), Taschenbuch (35 €). Als digital nativin habe ich mich natürlich für die erste Variante entschieden.

Inzwischen kann man die Langstrecke auch im SZ-Shop kaufen. Schade nur, dass das Projekt im Shop nicht beworben wird und man erstmal ein wenig suchen muss, bis man es findet (ich hab es natürlich unter E-Book gesucht, aber dort nicht entdeckt). Dort sind die Einzelausgaben erhältlich (5,99 € E-Book / 8 € Magazin) – die erste ist Anfang April erschienen (mehr zu dieser Ausgabe erzähle ich euch weiter unten) – aber auch das Jahresabo, was nun etwas teurer ist: Das Magazin erhält man für 30 €, das E-Book für 19,99 €. Ein ganz gutes Preis-Leistungs-Verhältnis wie ich finde: In der ersten Ausgabe sind 25 Artikel enthalten mit etwas mehr als 200 Seiten Lesestoff.
Das Taschenbuch taucht im SZ-Shop gar nicht mehr auf – anscheinend hat es den Startnext-Markttest nicht bestanden.

Ansonsten zeigt man sich bei der SZ mit dem bisherigen Interesse an dem Projekt zufrieden. In seinem Blog schreibt der Projektleiter Dirk vsn Gehlen, dass bisher knapp 1.000 Leute das Projekt unterstützt haben. Damit hatte man nicht gerechnet, weil es um ein Produkt ging, das es noch gar nicht gab. Ich finde das gar nicht so verwunderlich:

  • 1. wurde während der Crowdfunding-Phase viel für das Projekt geworben .
  • 2. ist die SZ eine etablierte Marke
  • 3. sind Medien ohnehin Erfahrungsgüter, von denen man vorher nicht weiß, ob die Leistung das eigene Bedürfnis ausreichend erfüllt
  • 4. der relativ geringe Preis, den ich (als Studentin) ohne groß nachzudenken investiert habe

Ein guter Vergleich gibt das journalistische Crowdfunding-Projekt Krautreporter ab, die letztes Jahr ziemlich für das Zustandekommen ihres Projekts kämpfen mussten. Dabei lag der Preis mit 60 € im Jahr deutlich höher und man wusste noch weniger, was man dafür bekommen würde (Stichwort Erfahrungsgut!). Aber auch die haben es geschafft, man sieht also: das Interesse und die Bereitschaft der Leser Geld für neue journalistische Projekte zu investieren ist vorhanden. Vor allem die Neugierde ist sicher neben dem günstigen Preis ein wichtiges Kriterium.

Zumindest ich persönlich habe deswegen bei diesem Projekt mitgemacht, weil ich selbst nebenbei bei der Zweitverwertung von Zeitungsinhalten in digitaler Form mitarbeite und immer gespannt bin, was sich andere Verlage in diesem Bereich einfallen lassen.

Die erste Langstrecke

Letzte Woche am 1. April war es dann soweit: Die Mail mit der ersten Langstrecke-Ausgabe kam. Das E-Book (Epub ohne DRM, Mobi wäre auch möglich gewesen) konnte einfach über einen Link heruntergeladen werden. Da die Magazinausgabe erst nach Ostern ausgeliefert werden konnte, gab es einen Link, wo man sich die Druckvorlage des Magazins anschauen konnte. Außerdem wurde in der Mail explizit um Feedback der Leser gebeten. Eine Tatsache, die dieses Projekt ebenfalls auszeichnet: Das Interesse an der Meinung und den Interessen der Leser und dem Willen das Produkt an diese anzupassen.

Ich habe die erste Ausgabe direkt auf meinen E-Reader gezogen und die letzten Tage schon einen Großteil der Artikel zumindest angelesen und bisher finde ich, dass sich die Investition auf jeden Fall gelohnt hat (und bisher war ich kein großer Fan der SZ aufgrund ihres naja bayerischen Schwerpunkts *hüstel*). In dieser ersten Ausgabe sind 25 Artikel versammelt, die zwischen Januar und März 2015 in der SZ, dem Magazin oder dem Jetzt-Magazin erschienen sind.

Die Themen sind bunt gemischt, wobei mir persönlich ein Schwerpunkt auf Politik und Kultur aufgefallen ist. Am stärksten fand ich den Edward Snowden-Artikel „Die Weltflucht“, der als erster Artikel im E-Book erscheint. Ansonsten fand ich die Reihenfolge eher beliebig, wobei ich den (subjektiven) Eindruck hatte, dass zum Ende hin mehr „weichere“ Kultur- und Gesellschaftsthemen kamen. Etwas schade finde ich, dass im Inhaltsverzeichnis nur die Headline genannt wird und keinerlei Themenbezug stattfindet, so musste man sich erstmal durch alle Artikel durchklicken, um herauszufinden, worum es in ihnen eigentlich geht.

Interessant finde ich die Idee, dass sie bei jedem Artikel die Lesezeit angeben, die man für den Artikel benötigt (zwischen 10 und 30 Min – insgesamt bietet die erste Ausgabe 354 Minuten Lesevergnügen). Bei einem Selbsttest habe ich zwar nur die Hälfte der Zeit für einen Artikel benötigt, aber die Idee ist gerade beim E-Book, in dem Seitenzahlen ja eigentlich keine Rolle spielen, ganz witzig.

So sieht ein Langstrecke-Artikel im E-Book aus
So sieht ein Langstrecke-Artikel im E-Book aus

Das E-Book besteht aus den nackten Texten – leider wurde auf die Einbindung von Bildern oder Grafiken – vermutlich aus Kostengründen – verzichtet. Lediglich am Anfang jedes Artikels gibt es eine Illustration, in denen die Autoren im selben zurückgenommenen Stil wie das Cover porträtiert werden. Im Magazin gibt es in diesem Stil auch noch ein paar weitere Illustrationen, die aber keinen inhaltlichen Mehrwert bieten, deshalb wundere ich mich zwar, dass sie im E-Book nicht eingebunden wurden, finde es aber auch nicht weiter schlimm.

Eine Infobox, die ebenfalls am Anfang des Artikels steht, verweist auf weitere Inhalte zu diesem Thema – häufig auf sueddeutsche.de oder auf die Twitter- oder Blogseite des Autors, damit man sich bei Interesse noch intensiver damit auseinandersetzen kann. Finde ich prinzipiell gut, aber an mancher Stelle doch etwas zu sehr gewollt oder ein wenig zu viel Schleichwerbung für die SZ.

Nachdem ich das erste Mal „durchgeblättert“ hatte, war mir nicht ganz klar, nach welchen Kriterien die Artikel ausgewählt wurden. Dazu gibt es aber eine Erklärung auf der Tumblr-Seite der Langstrecke, wobei es sich eher um formale Kriterien (Länge, Erscheinungsdatum) handelt. Wie bereits erwähnt, hat sich mir auch nicht erschlossen, wieso die Reihenfolge so gewählt wurde (weder chronologisch noch thematisch), aber ich hatte den Eindruck, dass die „spannenderen“ Themen am Anfang kamen (alles wieder sehr subjektiv). In Zukunft fände ich es schön, wenn man vielleicht auch die Leser bei der Themenauswahl etwas stärker einbindet – in Form einer Umfrage beispielsweise.

Achja, man kann auch Anzeigen in der Langstrecke buchen. Allerdings wurde im E-Book nur eine von irgendeinem Automobilkonzern geschaltet (in Print wäre das wohl die U2) – das Interesse an Anzeigen in solchen innovativen Produkten ist also im Vergleich zum Interesse der Leser daran wohl eher (noch) gering.

Die Langstrecke im Netz

Neben dem eigentlichen Produkt ist das Spannende an diesem Longreads-Projekt ja auch zu sehen, wie es entstanden ist und wie es sich in Zukunft weiterentwickelt. Dafür wurde eine Tumblr-Seite und diverse Social-Media-Kanäle eingerichtet, sodass das Langstrecke-Team sich mit den Lesern austauschen kann. Allerdings läuft das Ganze aus meiner Sicht noch etwas holperig. Die Info, dass es kurz vor Erscheinen der ersten Ausgabe einen Livestream gab, in dem das Team den Entstehungsprozess vorgestellt und Fragen beantwortet hat, ist leider nicht bei mir angekommen (vielleicht war daran der böse Spam-Ordner schuld?). Der Link zu Startnext führt leider ins Leere und eine Liste mit 10 Gründen, warum man sich an dem Projekt beteiligen sollte, geht leider nur bis Punkt 6.

Inhaltlich passiert auf der Seite bis auf den Fragebogen mit anderen Longread-Projekten (da muss man ihnen mal zu Gute halten, dass diese inhaltlich nichts mit der SZ zu tun haben) bisher nicht viel. Ich finde diesen Experimentierstatus ja prinzipiell sehr sympathisch, aber bei einem so großen Medienhaus wie der SZ erwartet man eigentlich etwas mehr Professionalität (Stichwort: „Wir würden euch gerne den Link zum Livestream geben, aber wir wissen nicht, wo der gespeichert wurde.“).

Um in Zukunft nichts zu verpassen, habe ich mich brav mit allen Social-Media-Kanälen vernetzt. Hier liegt anscheinend auch der Fokus drauf, denn bisher machen sie ihren Job vor allem bei Twitter ganz ordentlich.

  • Twitter: Schon mehr als 1300 Follower. Neben aktuellen Lesemepfehlungen von sz.de und anderen Medien werden Artikel rundum das Thema Longreads geteilt. Das Ganze kann man unter dem Hashtag #langstrecke verfolgen, auch wenn dieser Hashtag bisher eher für andere Dinge genutzt wurde. Aber das kann ja alles noch werden 😉
  • Facebook: Hier haben bisher nur 340 Fans den Like-Button gedrückt. Die Inhalte sind ähnlich wie bei Twitter. Auf die Anfrage eines Users, wann die Printausgabe verschickt wird, wurde bisher leider nicht reagiert. Auch hier muss also noch geübt werden – oder ist das Projektteam nach dem Stress, den die erste Ausgabe mit sich gebracht hat, erstmal kollektiv in Osterurlaub gefahren?
  • Instagram: Wozu braucht ein solch textlastiges Medium ein visuelles Soziales Netzwerk? Vielleicht dachte man sich im Team, dass man jung und cool ist und deswegen auch bei Instagram vertreten sein muss. Die Abonnentenzahl ist mit um die 330 ähnlich wie die von Facebook. Geteilt wurden vor allem Bilder von anderen Longreads, zum Beispiel ziemlich dicken Romanen.

Es ist löblich, dass man versucht mit seinen Lesern auf so vielen verschiedenen Netzwerken in Kontakt zu treten, aber man braucht für gute Social-Media-Arbeit ein Konzept und einiges an Zeit, sonst wird das Ganze schnell peinlich.

Fazit: Innovativer Ansatz, der viel Potenzial bietet

Ich finde es toll und auch mutig, dass die SZ als traditionelles Medienhaus mit diesem Projekt neue Wege geht und vieles ausprobiert, was man eher bei einem Startup erwartet hätte. Das Produkt hält das, was es verspricht: interessante Reportagen, die man auch gerne liest, wenn man mit dem Thema bisher nicht so viel anfangen konnte. Es eignet sich vor allem für Leute, die keine Zeit für eine Tageszeitung haben und trotzdem gerne guten Journalismus lesen.

Zu hoffen ist natürlich, dass in Zukunft auch mehr mit den Lesern interagiert wird, damit das Produkt nach deren Wünschen und Vorstellungen weiterentwickelt wird. Weiter so!

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Langstrecke – Longreads-Projekt der SZ

2 Gedanken zu “Langstrecke – Longreads-Projekt der SZ

  1. Vielen Dank für die ausführliche Analyse unseres Projekts. Wir freuen uns, dass Sie sich so intensiv mit Langstrecke befasst haben – und können sagen: Der Hinweis auf das ausfürhlichere Inhaltsverzeichnis ist angekommen 😉

    Bei den anderen Punkten sind wir etwas anderer Meinung (die FB-Anfrage wurde nicht beantwortet, weil der Leser sie selber beantwortet hat, wir haben diese Antwort mit „Like“ versehen; die zehn Punkte sind vollständig und das Periscope-Speicherproblem lag an dem Dienst), aber wir freuen uns über die ausführliche Analyse. Jetzt wollen wir zunächst die erste Ausgabe auch in Print abschließend – und dann gibt es im Blog eine Auswertung des Fragebogens und ein Fazit zum Markttest.

    Besten Gruß aus derLangstrecke-Redaktion
    Dirk von Gehlen
    langstrecke.sz.de

  2. Lieber Herr Gehlen, vielen Dank für Ihren Kommentar, der ein paar Dinge zurechtrückt (allerdings waren die zehn Punkte bei meiner Recherche tatsächlich nur bis Punkt 6 angezeigt worden). Ich bin gespannt auf das Fazit und die Auswertung der Umfrage (an der ich auch teilgenommen habe).
    Viele Grüße
    digitalnativin

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