Die App-O-Manie geht um (1)

Teil 1: Liebe Verlage, bitte wiederholt nicht die Geburtsfehler des Internets!

Das iPad ist in aller Munde. Wieder einmal hat Apple es geschafft ein Produkt, das wir eigentlich nicht brauchen, marktfähig und zum weltweiten Verkaufserfolg zu machen. Mittlerweile hat das iPad den DVD-Player als die Innovation, die sich am schnellsten etabliert hat, abgelöst – ein historischer Rekord. Und wenn man den Hochrechnungen glauben mag, besitzt im nächsten Jahr jeder Bürger in Deutschland ein iPad – zumindest in der Größenordnung werden die Verkaufszahlen prognostiziert.
Viele Verlage sehen im mobilen Markt der Applikationen die Chance den Geburtsfehler des Internets wettzumachen, nämlich die Annahme man könnte Inhalte im Internet kostenlos zur Verfügung stellen, weil die rasant wachsenden Werbeerlöse zur Finanzierung ausreichen würden. Noch immer liegen die Tausender-Kontakt-Preise der meisten Presse-Websites unter denen für Print und von wenigen Ausnahmen (wie SpOn) abgesehen, müssen die meisten Seiten noch immer quersubventioniert werden. Zwar versuchen neuerdings wieder ein paar Verlage mit einer Paywall und digitalen Abos Paid Content im Internet durchzusetzen, aber ein Patentrezept insbesondere für allgemeine Nachrichtenanbieter ist noch nicht gefunden.

Das soll nun auf iPad & Co. anders werden, denn viele Studien belegen eine höhere Zahlungsbereitschaft von Smartphone- und Tablet-Nutzern. So betrug der Durchschnittspreis einer iPad-App im Oktober 4,97 $, für eine iPhone-App wurde mit 4,03 $ ein knapper Dollar weniger gezahlt. Da stehen die Chancen für die großen Verlagshäuser nicht schlecht, digitale Vertriebserlöse als Standard für Nachrichten-Apps zu etablieren und den Nutzer seiner Kostenlos-Mentalität zu entwöhnen. Insbesondere da aufgrund der niedrigen Reichweiten (vor allem auf dem iPad) die Werbeerlöse kaum eine Rolle bei der Refinanzierung der App-Entwicklung spielen.
Aber anstatt mit Preisstrategien für das neue Medium zu experimentieren, um die optimale Balance zwischen Zahlungsbereitschaft der Nutzer und entstandenen Kosten für die Produktion (jaja, das alte Spiel von Angebot und Nachfrage) zu finden, bieten viele Verlage ihre Apps kostenlos an. Das mag vielleicht für die erste Ausgabe als Schnupperangebot Sinn machen, aber bei der Fülle an kostenlosen Nachrichten-Apps, die sich im Moment im deutschen App-Store tummeln, bekommt man das Gefühl, die Verlage hätten vergessen, worüber sie im Online-Geschäft ständig jammern. Das gilt zunächst einmal für iPhone-Apps, hier sind beispielsweise die Applikationen von Focus, Stern, Handelsblatt, tz-online und den Stuttgarter Nachrichten kostenlos nutzbar. Auch im mobilen Internet wird aufs Geld geguckt und ein iTunes-Käufer wird, wenn er die Wahl zwischen zwei ähnlichen Nachrichtenangeboten hat, das günstigere nehmen – in diesem Fall dann oft das kostenlose. Da die iPhone-Apps auch auf den iPads verwendet werden können (zwar nicht in der optimalen Ausnutzung der iPad-Funktionalitäten, aber der Inhalt bleibt derselbe), stehen sie in Konkurrenz zu den iPad-Apps und graben auch hier an der Zahlungsbereitschaft der Nutzer. Zwar sind laut einer aktuellen Studie von Bulletproof Media Dreiviertel der iPad-Apps kostenpflichtige Angebote, aber auch hier gibt es namhafte Ausnahmen wie Focus und Financial Times (international).
Ein weiteres Problem ist der intermediale Wettbewerb mit weiteren Nachrichtenanbietern, dazu gehören Fernsehsender wie N24 oder altbekannte Reichweiten-Konkurrenten aus dem Internet (z.B. Yahoo oder T-Online). Deren kostenlose Angebote setzen die Verlage in ihren Preisstrategien unter Druck. Denn genau wie im Internet rücken die verschiedenen Mediengattungen auch im AppStore immer mehr zusammen und für den Leser ist es bei aktuellen Nachrichten zweitrangig aus welcher Quelle diese stammen.
Die Verlage sollten also bei aller Euphorie, die durch die Etablierung des iPads in Gang gesetzt wurde, in erster Linie versuchen ein erfolgreiches Geschäftsmodell aufzubauen, damit sie in ein paar Jahren nicht vor dem selben Problem stehen, mit dem sie gerade im Internet konfrontiert sind.

Natürlich spielen neben dem Preis viele weitere Faktoren wie die Gestaltung, die Benutzerführung, der Mehrwert an Inhalten eine Rolle. Darauf wird in den kommenden Teilen der App-O-Manie-Serie eingegangen.

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Die App-O-Manie geht um (1)

Ein Gedanke zu “Die App-O-Manie geht um (1)

  1. Schöne Bestandsaufnahme zu dem verrückten Treiben zur Zeit. Und richtig erkannt: wie ein Haufen wild gewordener Hühner laufen die Verleger nun umher und meinen, sie müssten Apps auf den Markt schmeissen. Auch wenn sie von dem Markt absolut keine Ahnung haben. Jeder will dabei sein, auch wenn das App dann bloss eine flache 1:1-Übertragung der Website darstellt. Zum Kotzen ist das! Welch peinliche Show der VDZ dabei spielt, führe ich übrigens in meinem neuesten Blogeintrag aus ( http://www.salimzitouni.de/?q=content/was-erlaube-tagesschau ) Viele Grüße aus Stuttgart (und bald Heidelberg) und schöne Festtage!

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