Liest du noch oder skimmst du schon?

In letzter Zeit gab es immer wieder Diskussionen um die Zukunft von e-Readern, die mit Schwarz-Weiß-Display nur auf das reine Lesevergnügen ausgerichtet sind. Gerade der stark wachsende Tabletmarkt und die App-Experimentierfreude der Verlage in diesem Jahr schien den e-Reader als Übergangsphänomen zu besiegeln. Auch in einer Umfrage, die ich gemeinsam mit einer Kommilitonin im Sommer durchgeführt habe, stehen e-Reader nicht hoch im Kurs der Nutzer. Nur 4 Prozent lesen ihre e-Books mit einem e-Reader, sogar das Ausdrucken fand mit 12 % deutlich mehr Abnehmer. Ein Widerspruch an sich, wenn man sich extra das e-Book kauft. Sehr beliebt dagegen ist das digitale Lesen am hauseigenen Laptop oder PC (über 40 Prozent nutzen es).

Wie viele andere habe ich dabei die Erfahrung gemacht, dass mich das Lesen aufgrund des flimmernden Bildschirms stärker anstrengt und ich viel mehr Zeit brauche, um selbst kurze Textpassagen zu erfassen. Hinzu kommt eine ständige Ablenkung durch Bilder, Links und Bewegtbanner auf den Internetseiten, die einem immer wieder die Konzentration rauben.
Auch das Lesen in statischen PDFs ist nicht unbedingt mein Fall, da sich hier die Texte je nach Größeneinstellung über die komplette Bildschirmbreite ziehen und damit die gewohnten Zeilenlängen stark überschreiten, sodass das Auge beim Zeilensprung einige Momente irritiert nach dem richtigen Anschluss suchen muss. Und schon ist die Konzentration wieder Flöten gegangen.
Bisher bedeutete das Lesen von Texten am Monitor also sehr viel mehr Aufwand, deshalb kam es auch nur aus pragmatischen Gründen zum Einsatz – wenn ich keine Lust hatte, in die Bibliothek zu gehen um in Fachzeitschriften zu lesen oder das Lehrbuch nicht das gewünschte Stichwort im Register stehen hatte. Ansonsten war mir das papierne Pendant sehr viel lieber und im Bett als Gute-Nacht-Lektüre sowieso.

Seit ein paar Wochen lese ich jedoch DIE ZEIT als E-Paper. Hier steht mir zum einen eine statische PDF-Variante zur Verfügung, die eine digitale Kopie der Druckversion samt Bildern, Spalten, Grafiken und Seitenumbrüchen ist. Natürlich ist das die kostensparendste Möglichkeit, um ein zusätzliches Online-Abo anzubieten. Aber vor allem doppelseitige Artikel verlieren viel von ihrer gestalterischen Wirkung und man muss aufgrund der kleinen Schriftgröße, die in gedruckten Zeitungen kein Problem darstellt, sehr stark einzoomen und damit erheblich mehr scrollen. Der Lesekomfort leidet außerdem unter der fehlenden Konformität der Formate – Zeitungen im sperrigen Hochformat und der Bildschirm im 16:9-Modus, das passt leider nicht gut zusammen.

Zum anderen bietet die Zeit aber auch eine EPUB-Variante an, die ohne Bilder und gestalterischen Elementen auskommt. Sie eignet sich ideal zum intensiven Lesen der Texte, denn ich kann mir die Schriftgröße so einstellen, dass ich aus der für mich bequemsten Entfernung am Monitor lesen kann. Dank des flexiblen Zeilenumbruchs lassen sich die zweispaltigen, im Blocksatz gesetzten Texte problemlos lesen. Ist man am Ende der Seite angelangt, genügt ein Klick und man kann sich in die nächste Seite vertiefen – kein unnötiges Scrollen zwischendrin. Ich war erstaunt, wie schnell ich auf einmal am Bildschirm lesen konnte, ohne dass mich irgendwelche Dinge davon ablenkten.
Ein großes Manko besteht aber in der Auswahl der Texte. Zwar kann ich mir das Inhaltsverzeichnis und die Verzeichnisse der einzelnen Ressorts anzeigen lassen und dank der direkten Verlinkung sofort in die Artikel springen, aber mir fehlte die Orientierung, welche Artikel für mich interessant sein könnten. Nur mit der Überschrift lassen sie sich nur schwer einem Thema zuordnen. Auch das gemütlich Durchblättern und dann an Stellen hängen zu bleiben, die einen beim schnellen Überfliegen reizen, funktioniert nicht. Wie wichtig grafische Gestaltung für den Transport von Information ist, ist mir in diesem Moment zum ersten Mal richtig bewusst geworden. Gerade, wenn es sich um Diagramme handelt, auf die im Text Bezug genommen wird, bin ich von der schnörkellosen Textversion enttäuscht.

Da beide Varianten ihre Vor- und Nachteile haben, bin ich zu einer Kombination übergegangen. Sobald die neue Ausgabe erscheint, skimme ich die PDF-Version nach relevanten Artikeln und schreibe mir deren Überschriften auf. Habe ich dann Zeit zum Lesen, öffne ich das EPUB und gebe den jeweiligen Titel in die Suchfunktion ein, um ihn in Ruhe zu lesen. Das funktioniert bisher ganz gut, aber ist natürlich umständlich und besonders bei Artikeln, bei denen visuelle Elemente das Textverständnis wesentlich unterstützen, nur bedingt anwendbar.
Wieso muss ich mich zwischen beiden Formaten entscheiden? Wäre es nicht sinnvoll ein Format zu entwickeln, das beides kann und ich als Nutzer entscheide dann mit einem Mausklick, welche Version ich in diesem Moment brauche? In eine ähnliche Richtung geht die Entwicklung der e-Book-App Libroid von Jürgen Neffe. Mit einem Dreh des Handhelds kann ich Zusatzinformationen ein- und ausblenden. Leider setzen Verlage noch immer viel zu wenig auf Innovation, die sich vom klassischen Lesen in der analogen Welt lösen und die Leseinteressen und -anforderungen der Nutzer im Netz berücksichtigen.

Wie seht ihr das? Ist Lesen am Bildschirm für euch okay oder einfach eine Gewöhnungssache? Was würde euch beim digitalen Lesen helfen?

Advertisements
Liest du noch oder skimmst du schon?

4 Gedanken zu “Liest du noch oder skimmst du schon?

  1. Liebe Cigdem,

    wirklich toller Artikel, wie ich es von dir gewohnt bin.
    Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir diese Frage nie wirklich gestellt habe – ich schreibe schon immer aktiv für Online Medien. ABER: Nur auf unterhaltender, und weniger auf informierender Ebene. Und ich denke da besteht der Unterschied. Klar haben wir auf rapspot auch längere Texte, aber die sind – bis auf die Features, deren Ansicht ich nach wie vor ungünstig finde – alle recht schmal gehalten und bieten so eigentlich einen recht guten Lesekomfort. Außerdem gibt es auf unserer Seite keine nervigen Blink-Banner und meist nur 1-2 Bilder pro Beitrag, so dass die von dir beschriebene Ablenkung gar nicht zustande kommt (die ich übrigens auch oft erlebt habe). Ich denke, dass beim Online-Lesen recht viel mit dem Design steht und fällt.

    Ich gehöre ja nun zu den o.g. 4%, die einen Reader besitzen und muss sagen dass ich allein vom Leseverhalten her echt begeistert bin, zumindest was ePubs angeht – super komfortabel. Natürlich lese ich aber auch gerne Print. Zu Tablets habe ich noch nicht wirklich einen Zugang gefunden – zwar finde ich die Aufmachung von eBooks auf dem iPad sehr hübsch, aber für mich ist das eher eine Spielerei, wirklich Spaß machen tut mir das Lesen bisher darauf nicht – ich habe es aber auch bislang noch nicht so oft und lange ausprobiert.

    Ich denke wir dürfen gespannt sein, wie sich diese Geschichte entwickelt…

  2. Hallo Lina,

    interessante Ansichten. Schön, dass ihr auf eurer Seite auf den Lesekomfort achtet, denn in erster Linie möchte man den Nutzer mit Information versorgen und das passiert nicht, wenn er ständig abgelenkt wird. Ich finde auch, dass der Lesefrust schnell steigt, wenn man einen Satz immer und immer wieder liest oder mit dem Artikel fertig ist und die Inhalte gar nicht richtig aufgenommen hat.
    Das mit dem iPad sehe ich ähnlich – wie gesagt, mit Adobe Digital Editions kann man auch am Laptop ganz toll Texte lesen, wenn das auch auf Tablets funktionieren würde, also ich mit einem Klick den Modus umstellen kann (von Unterhaltung mit schönen Bildchen auf reines Lesen), würde es der Verbreitung des e-Books sicher zu gute kommen.

  3. Es gibt sicher viele Dinge die noch verändert werden müssen – bisher gibt es einfach noch kein neues Medium was DAS neue Lesemedium ist… ich glaube da muss unsere Branche noch einiges lernen. Und ich finde es dabei umso erschreckender, dass viele große Magazine (Zeit Online) es nicht gebacken bekommen, leserfreundlich zu veröffentlichen. Wobei das natürlich auch eine Geschäftsidee ist, dass die Printausgabe doch noch verkauft wird…

    Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie sich ePaper auf dem iPad lesen, hab bisher nur eBooks gelesen, und da stellt sich das Problem mit Ablenkung durch Bilder ja meist nicht…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s