Die vielfältige Welt der Musikverlage

Als Musikstadt hat sich Leipzig mit Bach, Mendelssohn Bartholdy und dem Thomanerrchor einen internationalen Namen gemacht. Da passte es sehr gut, dass beim heutigen Kleinverlegertag (KVT) meines Studiengangs Buchhandel/Verlagswirtschaft Musikverlage im Fokus standen. Fünf Verlage aus allen Ecken Deutschlands kamen an die HTWK in Leipzig und stellten sich den Fragen der Komma-Studentinnen.
Zu Beginn führte Herr Hutzel von Schott Music mit einen kurzen Vortrag ins Thema ein, dabei ging es um Fachbegriffe der Musik, die Unterscheidung in E- und Pop-Musik, die Besonderheiten des Marktes und das vielfältige Produktangebot.

Anschließend wurden die Verlage in kleinen Interviews dem Publikum vorgestellt. Den Anfang machte der Furore Verlag aus Kassel, dessen Ziel es ist, Musikerinnen und Komponistinnen aus aller Welt zu fördern. Darauf folgte der Verlag Dohr aus Köln, der sich auf Noten und Bücher spezialisiert hat. Der Verleger Christian Dohr sorgte mit seinen witzigen Kommentaren für viele Lacher während der Veranstaltung und machte zukünftigen Jungverlegern Mut es doch einfach mal selbst auszuprobieren. Die Verlagsgruppe Kamprad aus Altenburg vereint vier Einzelunternehmen: den Verlag Klaus Jürgen Kamprad, der Bücher zu musikalischen Themen herausbringt, das Klassik-Label querstand, den E. Reinhold Verlag mit Fokus auf Regionalliteratur und die Grafikagentur frech ab, wobei Herr Kamprad als Verleger heute vor allem von seinen Erfahrungen aus dem Musikverlag berichtete. Der Letzte im Bunde war der Ventil Verlag aus Mainz. Im Gegensatz zu den vorherigen Verlagen konzentriert sich der erst 1999 gegründete Verlag auf Bücher rund um die Popkultur und den Punk.
Schon die erste Gesprächsrunde zeigte, wie sehr sich die Arbeit in Musikverlagen vom klassichen Buchverlag unterscheidet. Und auch innerhalb der Musikbranche gibt es so viele unterschiedliche Ausrichtungen und damit verbundene Produkte und Vertriebswege, dass man die Verlage nur schwer einer Typologie zuordnen kann. Aber genau das machte auch den Reiz der anschließenden Podiumsdiskussion aus. Zu jeder Frage konnten die einzelnen Verleger ganz individuell aus ihrer persönlichen Perspektive antworten und damit dem Publikum das doch meist unbekannte Aufgabenspektrum in Musikverlagen näher bringen.


Zunächst ging es um den Erfolg von Musikverlagen. Dabei fiel das im Verlagsbereich gern benutzte Stichwort Mischkalkulation, denn Musikverlage veröffentlichen eine Vielzahl an Werken, die nicht alle zum Verkaufsschlager werden, aber für die Musikbranche eine elementare Rolle spielen. Herr Schmitt von Ventil erzählte vom Dilemma, in dem er sich als gelernte Buchgestalter befindet: einen Mittelweg zu finden zwischen qualitativ hochwertiger Ausstattung und niedrigen Verkaufspreisen, da seine Zielgruppe meist über wenig Kaufkraft verfügt. Für Herrn Hutzel von Schott gewinnt die Wettbewerbsbeobachtung zunehmend an Bedeutung. Dank Auswertungen der GfK kann man die eigenen Marktanteile und die der Konkurrenten untersuchen und daraufhin Maßnahmen ergreifen, um das eigene Produkt mehr an die Anforderungen des Marktes anzupassen und dadurch zusätzliche Marktanteile zu erzielen. Die Verlage müssen den Anspruch besitzen, immer besser zu werden und eigene Innovationen auf den Markt bringen. Schott hat das in den letzten Jahren teilweise leider verschlafen, gab er selbst zu.
Derzeit in aller Munde durfte auch die Frage nach den Social-Media-Aktivitäten der Musikverlage nicht fehlen. Die Verleger begrüßen die Chance direkt mit ihrer Zielgruppe zu kommunizieren und ihr dadurch Einblicke in die Verlagsarbeit zu ermöglichen. Dabei spielt beispielsweise bei Schott der Online-Newsletter eine sehr wichtige Rolle, denn über 20.000 Kunden haben diesen abonniert. Für den Ventil Verlag ist Social Media eine ideale Form der Vermarktung, da sich ihre Kunden verstärkt in sozialen Netzwerken aufhalten. Trotzdem ist der Bereich noch eine große Baustelle, an der der Verlag gerade arbeitet. Oliver Schmitt erwähnte aber auch, dass die Initiative von Autoren im Internet eine starke Wirkung für den Verkaufserfolg von Büchern haben kann.
Ein eher unschönes Thema, welches das digitale Zeitalter mit sich bringt, ist die Piraterie. Hier ist es meist schwierig die geltende Gesetzesgrundlage in der Realität anzuwenden und deshalb werden viele Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt. Oft fehlen in den Gerichten die Fachkenntnisse des Urheber- und Leistungsschutzrechtes und wenn ein kleiner Junge sein Klavier-Übungsbuch kopiert hat, steht die Öffentlichkeit eher hinter dem Angeklagten als hinter dem Musikverlag als Kläger. In einem großen Unternehmen wie Schott gibt es eine eigene Rechtsabteilung, die sich mit Verstößen befasst und versucht illegale Downloads zu unterbinden. Zusätzlich bemüht sich der Verlag den Nutzer mit eigenen Online-Angeboten anzulocken, beispielsweise mit einer Downloadplattform für Noten. Ein Gerücht, das sich nachwievor hartnäckig hält, besagt, dass die GEMA Urheberrechtsverletzungen verfolgt. „Die GEMA sitzt im Notenschrank!“, witzelt Herr Dohr, sieht aber auch positive Aspekte darin, da es die Nutzer pauschal von Piraterie abschreckt.
Musikverlage veröffentlichen im Vergleich zu Buchverlagen sehr viel mehr Werke pro Jahr und müssen die meisten Titel über Jahre hinweg auf Lager halten – das verursacht einerseits eine hohe Kapitalbindung und andererseits immense Lagerkosten. Mittlerweile findet teilweise ein Umdenken statt, denn Unternehmen wie Schott verwenden Print-on-Demand-Verfahren, um ihre Bestände besser zu managen. Andere Verleger wie Dohr oder Kamprad dagegen halten am klassichen Offsetdruck und damit verbundenen Mindestauflagen fest.
Da es nun schon mal ums Thema Finanzen ging, schloss sich direkt die Frage der Kalkulation an. Die meisten Musikverlage agieren auf zwei Märkten, die der Refinanzierung dienen: auf der einen Seite der Papier-Markt mit Noten und Büchern und auf der anderen Seite die Klangrechte für die Verwendung der Musik bei Aufführungen, in der Werbung und für CD-Aufnahmen. Sollte es auf dem einen Markt mal nicht laufen, hat man immer noch die Chance auf dem anderen Erlöse zu erwirtschaften, berichtet Herr Dohr. Bei Schott dagegen sind die einzelnen Programmbereiche in Profit Center aufgeteilt und die Klangrechte werden unabhängig vom Papiermarkt als Nebeneinnahmen verrechnet, so ist auf den ersten Blick erkennbar, welche Produkte tatsächlich rentabel sind. Ein großer Kostenblock für international tätige Musikverlage sind die Marketingaufwendungen, insbesondere für Messebesuche. Im Buch-Bereich konzentrieren sich Verleger auf die Messen in Frankfurt und Leipzig, als Musikverleger dagegen muss man in Shanghai und in den USA präsent sein, denn Noten können unabhängig von der Sprache in der ganzen Welt gelesen werden. Aus diesem Grund wird die Entwicklung von Gemeinschaftsständen immer wichtiger. Bei den deutschen Buchmessen sind sich alle fünf Verleger einig: Der Gemeinschaftsstand in Leipzig hat positiv abgeschnitten, weil viel direkter Kontakt zum Publikum möglich war.
Zum Ende der Podiumsdiskussion wird über den Buchhandel als Vertriebsweg für Musikverlage diskutiert. Bei Schott ist der Buchhandel (inklusive Online-Handel) an 25 Prozent der Umsätze beteiligt, das liegt einerseits am in letzter Zeit stark ausgebauten Musik-Angebot der Barsortimente und andererseits an der Eigeninitiative des Verlags, der in Orten ohne eigenen Musikalienhandel gezielt den Buchhandel als Vertriebspartner anspricht. Für den Verlag Dohr, der viele Fachbücher im Bereich Musikwissenschaften publiziert, spielt der Buchhandel mit ca. 50 Prozent eine noch wichtigere Rolle. Manchmal ist auch das thematische Umfeld ausschlaggebend, so verkauft der Ventil Verlag seine Bücher zum Beispiel in Plattenläden. Trotz allem ist der Buchhandel für die Musikverlage nur ein Markt unter vielen – für manche sogar nur ein Nebenmarkt.

Man sieht also, dass Musikverlage häufig ganz anders funktionieren als das klassische Verlagswesem. Durch die Vielfalt an Produkten eröffnen sich viele Chancen für eigene Vertriebswege und Zielgruppen. Das erfordert Flexibilität und Offenheit seitens der Verlage. Eine Fähigkeit, die so manchem Buchverlag auch gut tun würde.
Ich persönlich bin mit einer niedrigen Erwartungshaltung zum KVT gekommen und nun sehr begeistert und gleichzeitig erstaunt, wie vielschichtig und interessant Musikverlage sein können.
Wer leider nicht live dabei sein konnte und gerne noch mehr zum Kleinverlegertag 2010 erfahren möchte, kann auf Twitter unter dem Hashtag #kvt2010 alles noch einmal nachlesen.

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Die vielfältige Welt der Musikverlage

2 Gedanken zu “Die vielfältige Welt der Musikverlage

  1. Wow, sehr schöner Bericht! Und zeigt mir, dass ihr da in Leipzig auch schön was lernt! So wie wir in Stuggi. Bei uns gibt es auch ständig tolle Vorträge und Gastreferenten aus der Branche (Spinger, Piper, Fischer, Droemer Knaur,….). Werde deinen Blog im Auge behalten.

    Grüßle ausm Ländle!

    Salim

    1. Dankeschön, war auch eine wirklich tolle Veranstaltung. Es freut mich, dass dir das Studium gut gefällt und mit den Schwaben kommst du auch bestens klar, oder? 😉
      Du bist übrigens der ominöse Bekannte, der mich zum eigenen Blog inspiriert hat. Deinen verfolge ich auch ganz gespannt.
      Schade, dass wir uns in Frankfurt auf der Messe nicht gesehen haben. Aber vielleicht im März in Leipzig?!

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